In Vorfreude auf den Schnee: Zwei abenteuerliche Skitouren am Vierwaldstätter- und am Walensee, die an Skandinavien erinnern und mit dem gewissen Etwas aufwarten.
Tages-Anzeiger, 29. Dezember 2016

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Daniel Foppa

Der erste Schweizer Skigipfel

Hier ist man auf skihistorisch bedeutsamem Gebiet unterwegs: Am 8. Januar 1893 starten die beiden Glarner Christoph Iselin und Jacques Jenny von Glarus aus zur Besteigung des 2299 Meter hohen Schilt. Nach fünf Stunden sind sie am Gipfel – und schrieben mit der ersten Skibesteigung eines Schweizer Alpengipfels Geschichte. In der Folge entstand rund um den Schilt eine der beliebtesten Skirundtouren des Landes: die heute etwas in Vergessenheit geratene «Fünflibertour», auch «Fünfliber-Parsenn» genannt. So reiste man während des Zweiten Weltkriegs für fünf Franken mit dem Zug von Zürich nach Näfels, stieg mit den Ski auf den Schilt und fuhr nach Mühlehorn am Walensee ab – um dort wieder in den Zug zu steigen. Das Rundreiseticket war derart populär, dass an schönen Sonntagen laut der SAC-Zeitschrift «Die Alpen» bis zu 1800 Tourenfahrer gezählt wurden. So viel zur schön ruhigen Bergwelt von früher.

Der Schilt ist nach wie vor ein sehr beliebter Skiberg: Er ist von Zürich aus gut erreichbar und nicht sonderlich lawinengefährdet. Dementsprechend ist man an diesem Berg kaum je allein. Ein Skibus fährt von Näfels aus zum kleinen Skigebiet Schilt. Wer den Aufstieg um ein paar zusätzliche Höhenmeter verkürzen will, kann hier den Schlepplift benutzen. Nach wie vor bieten die SBB ein Kombiticket für die «Fünflibertour» an, in dem auch die Liftbenützung eingeschlossen ist.

Wir entscheiden uns für den Aufstieg «by fair means» und steigen am Pistenrand hoch. Via Mittelstafel und Färiboden erreichen wir unproblematisch den Gipfel des Schilt mit prächtiger Rundsicht auf Tödi und Gefährten. Die Abfahrt führt uns südlich am Siwellen vorbei nach Rotärd. Ab hier sind nur noch wenige Tourenfahrer unterwegs. Bei schlechter Sicht kann die Routenwahl anspruchsvoll sein, denn mehrere kleine Täler führen in verschiedene Richtungen. Als die «Fünflibertour» sehr populär war, ist es bisweilen vorgekommen, dass sich die Ersten im Nebel verirrten, eine Spur hinab zum Spanneggsee legten – und alle folgenden Tourengeher der Spur nach in diese Sackgasse fuhren.

Wir finden perfekte Bedingungen vor: Die Sicht ist einwandfrei, das kupierte Gelände hinab nach Mürtschen unverfahren und von bester Schneequalität. Unter dem Mürtschenstock hindurch queren wir Richtung Robmen, stets die steilen Flanken ob uns im Blickfeld. Wir versuchen, nur wenig Höhe zu verlieren, wollen diese Lawinenzüge aber möglichst rasch hinter uns bringen. Schliesslich fellen wir an und steigen hinauf nach Robmen. Über 1000 Meter tiefer ist einem Fjord gleich der Walensee zu sehen.

Die sanftere Variante der «Fünflibertour» führt von hier aus über Hüttenberg nach Obstalden. Unser Weg führt hinauf zum Alpbigligenstöckli. Das sind nochmals 200 Höhenmeter, dafür warten ein paar der schönsten Nordhänge der ganzen Gegend auf uns. Die Abfahrt Richtung Alp Bigligen ist indes nicht ohne, sichere Schneeverhältnisse sind für das steile Gelände zwingend. Dann aber folgt Genuss pur: Gut 1500 Höhenmeter Abfahrt über schattige, wenig befahrene Hänge hinunter zum See. Wir müssen lediglich zweimal die Ski abschnallen, um Strassen zu überqueren. Ansonsten liegt genug Schnee, um bis fast zum Bahnhof Mühlehorn zu fahren. Beim Eindunkeln bringt uns der Regionalzug zurück ins Glarnerland.

Aufstieg Rund 1600 Höhenmeter.
Gefahren Die Traverse nach Robmen sollte man früh genug angehen, da man unter steilen Südosthängen unterwegs ist. Die Nordflanke des Alpbigligenstöckli erfordert sichere Schneeverhältnisse.
Besonderheit Ein Skitourenklassiker mit langer Geschichte und ebensolcher Abfahrt.

 

Norwegen-Feeling am Vierwaldstättersee

Dies ist keine Tour für Skipuristen. Denn um den Weg quer durch die Zentralschweiz zu absolvieren, muss man drei verschiedene Verkehrsmittel in Anspruch nehmen – zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Zwar werden nur rund 1000 Höhenmeter bewältigt, doch die Tour ist wegen ihrer Länge nicht zu unterschätzen: Man ist vom frühen Morgen bis zum Eindunkeln unterwegs. Zudem muss Schnee bis in tiefe Lagen liegen, damit die Abfahrten hinunter nach Beckenried und Goldau unternommen werden können.

Ausgangsort ist St. Jakob zuhinterst im Isenthal UR. Die erste Seilbahn bringt uns nach Gitschen, dem Startpunkt der Tour. Via Geissboden wird der Kessel östlich des Brisen erreicht. Es folgt der bei unsicheren Schneeverhältnissen kritische Aufstieg zum Skidepot auf dem Südostgrat. Zu Fuss geht es auf den 2404 Meter hohen Brisen, von wo aus man in ansehnlicher Ferne die Rigi sieht. Kaum vorstellbar, dass wir in ein paar Stunden auf diesem Gipfel stehen werden.

Bei sicheren Schneeverhältnissen lohnt es sich, die Ski nicht zu weit unten auf dem Grat zu deponieren – die Abfahrt durch die Ostflanke verspricht viel Fahrgenuss. Über das Steinalper Jochli fahren wir danach Richtung Norden ab und queren unter dem Zwelfer Richtung Brisenhaus. Die Unterkunft lassen wir rechts liegen und gleiten möglichst ohne Höhenverlust über das Morschfeld. Hier ist es nicht ganz einfach, den unscheinbaren Weg zu finden, der hinauf zu den Bärenfallen führt. Wir fellen an, queren die Reste von kleinen Nassschneerutschen und sind nach kurzem Aufstieg beim Übergang, von dem aus man einen guten Blick auf den Vierwaldstättersee hat.


Die Bärenfallen laden zur Rast ein, allerdings sollte man den Schifffahrplan im Auge behalten. Wer die ganze Durchquerung bei Tageslicht absolvieren will, muss das Kursschiff erreichen, das um 14.30 Uhr oder 15.30 Uhr in Beckenried ablegt. Wir verzichten auf eine lange Pause und fahren via Eggberg hinunter zum See. Die Ski schnallen wir erst unmittelbar vor der Schiffsanlegestelle ab. Was folgt, ist das perfekte Norwegen-Feeling: Wer schon immer mal Skitouren und Schifffahren verbinden wollte, es jedoch nie in den hohen Norden schaffte, kann dies in Beckenried nachholen. Die Schnappschüsse mit Ski und Tourenausrüstung auf Deck gehören zu den ausgefalleneren Bildern eines Tourenwinters.

Das Schiff bringt uns nach Vitznau, die Zahnradbahn nach Rigi Kulm. Für Tourengeher, die es nicht so mit dem Fahrplanlesen haben, bietet sich in Vitznau eine Alternative: Die Luftseilbahn nach Hinterbergen kann dank eines Kassenautomaten 24 Stunden betrieben werden. Wer also irgendwo Zeit vertrödelt, könnte sich auch via Hinterbergen, Dosse und Rigi Klösterli nach Goldau durchschlagen. Wir entscheiden uns für den einfacheren Weg mit der Abfahrt über den breiten Südostrücken der Rigi. Unterhalb von Resti folgen wir dem Weg durch den Wald hinunter zum Restaurant Dächli. Schneetechnisch ist dies die heikelste Passage der Tour: Es braucht wirklich genug Schnee, damit der steinige Waldweg befahrbar ist. Und auch bei ausreichender Unterlage ist die Abfahrt sportlich, der Platz für grosse Schwünge fehlt. Wem das zu ruppig ist, der schnallt seine Ski auf den Rucksack. Spätestens ab Blätzen gilt dann wieder: freie Fahrt hinunter nach Goldau.

Aufstieg Rund 1000 Höhenmeter.
Gefahren Der Schlussanstieg am Brisen erfordert sichere Schneeverhältnisse. Kleine Nassschneerutsche im Aufstieg zu den Bärenfallen möglich.
Besonderheit Während der Tour wird die halbe Zentralschweiz durchquert – unter Zuhilfenahme eines Kursschiffes.