ta 20160514 heisse luft 200Mit 820 000 Franken finanzierte das Bundesamt für Zivilluftfahrt ein Projekt, vor dem zahlreiche Experten gewarnt hatten. Nun wurde es erfolglos abgebrochen.
Tages-Anzeiger, 14. Mai 2016

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Daniel Foppa

Die Idee ist genial, doch sie hat ein Problem: Sie funktioniert nicht. Ingenieur Martin Ziegler aus Altdorf will ein Triebwerk erfunden haben, das dank eines umgekehrten Antriebs bis zu 50 Prozent weniger Kerosin verbraucht. Zieglers Projekt würde die Luftfahrt revolutionieren und die Kosten für Fluggesellschaften sowie den CO2-Ausstoss massiv senken. Das Prinzip ist simpel: Die Luft strömt in seinem Triebwerk von hinten statt von vorne in die Turbine. Dort wird sie um 180 Grad umgelenkt und nach hinten wieder ausgestossen. Dadurch verfügt das Triebwerk laut Ziegler über mehr Schub als herkömmliche Modelle: «Das ist wie bei einem Wasserstrahl, der in einen Eierbecher fliesst. Er spritzt mit grosser Geschwindigkeit wieder heraus.» Diesen Zusatzschub will der Ingenieur nutzen und so Kerosin sparen. Ziegler verweist auf die sogenannten Pelton-Wasserturbinen, die nach demselben Prinzip funktionieren.

Im Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) stiess das Projekt auf offene Ohren. Der zuständige Physiker der Abteilung Umwelt prüfte es und zog von sich aus einen unabhängigen Physiker als externen Gutachter bei, den er aus seiner Studienzeit kannte. Beide sahen im Projekt Optimierungsmöglichkeiten für Flugzeugtriebwerke – nicht zuletzt, da Ziegler im Bereich Munitionsentwicklung mit einem ähnlichen Prinzip Erfolge erzielt hatte. Am 3. Februar 2015 hiess das Bazl Zieglers Gesuch gut und bewilligte einen Bundesbeitrag von insgesamt 1,35 Millionen Franken. Grundlage für diese Unterstützung ist der verfassungsmässige Auftrag, Treibstoff-Steuergelder für Umweltschutzmassnahmen zu verwenden. Jährlich unterstützt das BazlForschungsprojekte mit rund 5 Millionen Franken.

Im Widerspruch zur Physik

Ziegler konnte sich ans Werk machen, und die Lokalpresse feierte den Entwickler. Mit weit weniger Euphorie nahmen Luftfahrttechniker die Idee zur Kenntnis. Gleich mehrere Fachleute meldeten sich beim Bazl und erklärten, das Projekt widerspreche physikalischen Grundprinzipien. Ziegler hatte in ihren Kreisen bereits früher vergeblich um Unterstützung nachgesucht. Laut den Experten wird kein Schubgewinn erzielt. Denn anders als beim Vergleich mit dem Eierbecher kann bei einem Flugzeug nicht einfach Luft von hinten in eine Turbine strömen. Vielmehr müsste sie angesogen werden – wodurch das Triebwerk unter Berücksichtigung der Strömungsverluste keinen zusätzlichen Schub erzeugte. Das Ganze wäre ein Nullsummenspiel.

«Das Projekt ist nicht realisierbar. Die Berechnung von Schub und Brennstoffverbrauch verletzen physikalische Grundgesetze», schrieb ETH-Flugzeugingenieur Georges Bridel am 7. Dezember 2015 dem damaligen Bazl-Direktor Peter Müller. Zur selben Beurteilung war ein Jahr zuvor das Europäische Patentamt in Den Haag gekommen. Dort hatte Ziegler seine Erfindung eingereicht. Die Fachleute lehnten die Patenterteilung vollumfänglich ab, weil die Idee den Impulssatz verletze. Anders gesagt: Sie kann physikalisch nicht funktionieren.

Im Sommer 2015 zeigte sich, dass Ziegler deutlich mehr Geld benötigte als vereinbart. Laut Vertrag hätte der Entwickler nach einer ersten Tranche von 224 580 Franken seine Theorie experimentell nachweisen sollen. Doch der Bau der Versuchsanlage sowie die Überprüfung «neu aufgetretener Abweichungen von der Theorie» (Bazl) verursachten höhere Kosten. Das Amt zahlte und beschwichtigte die Kritiker. Obwohl Ziegler den experimentellen Nachweis nicht erbringen konnte, schrieb der neue Bazl-Direktor Christian Hegner am 18. Januar 2016 an Bridel: «Der Nachweis wurde in der Zwischenzeit erbracht, und die Ergebnisse zum neuen Antriebskonzept sind bisher sehr gut ausgefallen.»

In der Branche stiess die Haltung des Amts auf komplettes Unverständnis. «Hier geht es nicht um Fehler, die allenfalls behebbar wären. Sondern um die grundsätzliche Verletzung eines physikalischen Gesetzes. Es gibt also keine Möglichkeit, das Projekt ‹zu retten›», schrieb der ETH-Ingenieur und ehemalige Luftwaffenpilot Peter Müller am 3. März 2016 an Bazl-Direktor Hegner.

Irgendwann muss auch das Bazl zu dieser Einsicht gekommen sein. Jedenfalls stellte es am 7. April 2016 die Förderung ganz ein. Begründung: «Die Resultate der Messungen bestätigten nicht das theoretische Konzept der Energieeffizienzsteigerung.» Bis dahin hatte das Bazl Ziegler 820 000 Franken überwiesen – weit mehr, als vertraglich bis zu diesem Zeitpunkt vorgesehen war.

Überfordertes Bundesamt

Das gesprochene Geld ist verloren. Eine Rückzahlung wird nicht gefordert, obwohl der Bundesbeitrag laut Vertrag «bei Nichterfüllung oder mangelhafter Einhaltung der verfügten Auflagen» sowie bei «Nichterreichung der angestrebten Wirkung» vollständig oder teilweise zurückgefordert werden kann. Das Bazl begründet den Verzicht auf eine Rückforderung damit, dass der Erfinder in der Theorie gewisse Effizienzsteigerungen und Erkenntnisse erreicht habe.

Für Ingenieur Bridel zeigt der Fall: «Das Bazl ist bei der Beurteilung solcher Projekte überfordert.» Bei der vorliegenden Idee sei es für jeden Fachmann umgehend klar, dass sie nie funktionieren könne. «Mein Vorwurf geht nicht an den Erfinder, sondern an das Bazl, das Hunderttausende Steuerfranken verantwortungslos in den Sand gesetzt hat.» Die Projektevaluation des Bundesamts entspreche nicht internationalen Standards. Ziegler seinerseits ist enttäuscht: «Diese Technologie kann viele Arbeitsplätze schaffen, aber das muss man wollen.» Er suche nun eine einvernehmliche Lösung mit dem Bazl. Das Amt wiederum will über die Bücher gehen. «Wir überprüfen unsere Abläufe. Und wir werden künftig bei risikobehafteten Projekten eine breitere fachliche Beurteilung vornehmen», sagt ein Sprecher.