Franz Weber kämpfte mit Brigitte Bardot für Robbenbabys, stellte Naturschönheiten wie die Lavaux-Weinberge unter Schutz und überzeugte das Volk von der Zweitwohnungsinitiative. Nun ist der Basler 91-jährig gestorben.
Basler Zeitung, 5. April 2019

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Daniel Foppa

Seinen grössten Triumph erzielte er im Alter von 84 Jahren: Am 11. März 2012 sagten Volk und Stände Ja zur Zweitwohnungsinitiative. Vater des Begehrens war  , der Umweltaktivist und Heimatschützer der ersten Stunde. Während Jahrzehnten war der gebürtige Basler zur Stelle, wenn Tiere getötet, alte Kirchen geschleift oder Schnellstrassen gebaut werden sollten. Geschickt spannte er von Beginn weg die Medien für seine hehren Zwecke ein – ein PR-Profi avant la lettre.

Die Initialzündung für Webers Lebenskampf erfolgte 1965 im Oberengadin. Im nahezu unberührten Surlej war damals eine Grossüberbauung mit 20000 Einwohnern geplant. Weber, der zuvor in Paris sein Glück als Journalist und nicht eben erfolgreicher Schriftsteller versucht hatte, setzte zum Feldzug gegen den Naturfrevel an. Er machte die Medien auf das Problem aufmerksam, besichtigte mit ihnen den Weiler und schürte Emotionen.

Mit Jauche übergossen

Die Grenzen zur Hochstapelei konnten dabei fliessend sein. So organisierte Weber 1971 im Zürcher Hotel Dolder eine Wohltätigkeitsgala für Surlej. Der gut aussehende Charmeur verkündete, Alfred Hitchcock, Orson Welles und Herbert von Karajan seien eingeladen. Die Zürcher High Society, ein Bundesrat und der Bündner Regierungspräsident strömten zum Galaabend. Von den Stargästen tauchte keiner auf, doch Weber hatte am Ende 450000 Franken zur Rettung von Surlej beisammen.

Der stets elegante Weber hatte viele Feinde. Trotz seiner unbestrittenen Verdienste blieb der ungestüme Aktivist für viele ein Paria. Welsche Zeitungen betitelten ihn einst als «emmerdeur utile», als «nützliche Nervensäge». In den Siebzigerjahren wurde Weber im Wallis mit Jauche übergossen, und auf einer Alp oberhalb von Verbier lieferte ersich einen Faustkampf mit einem lokalen Tourismuskönig. Als sich Weber für den Erhalt der Lavaux-Weinberge am Genfersee einsetzte, liess er, begleitet von einer Schar Journalisten, Ballone in den Himmel steigen, welche die Höhe der geplanten Häuser anzeigten. Den Angriff eines Weinbauers, der mit der Hacke auf ihn losging, brauchte er dann nicht mehr zu inszenieren.

So zahlreich seine Feinde, so erfolgreich waren viele der über 150 Kampagnen. Weber hat in Togo ein Elefantenreservat gegründet, die antiken Stätten im griechischen Delphi und das Jugendstilhotel Giessbach am Brienzersee vor der Zerstörung gerettet. Zusammen mit der französischen Schauspielerin Brigitte Bardot kämpfte er im Norden von Kanada gegen das Abschlachten von Robbenbabys.

Zwölf Initiativen eingereicht

Ohne Weber würde heute eine Autobahn durch die Weinbergregion bei Lausanne führen. Gegen den Widerstand der Waadtländer Regierung schaffte er es mit einer kantonalen Initiative, die Lavaux-Weinberge unter Schutz zu stellen. Inzwischen gehört die Region zum Unesco-Welterbe.

Weber dachte auch im fortgeschrittenen Alter nicht daran, kürzerzutreten. «Aufhören wäre Fahnenflucht», sagte Weber dem «Tages-Anzeiger» bei einem Treffen im Jahr 2008. Erst während des Abstimmungskampfs zur Zweitwohnungsinitiative übergab Weber die Leitung seiner Organisation Helvetia Nostra an seine Tochter Vera. Nach dem Abstimmungssieg erklärte er: «Das ist einer der wichtigsten Tage in meiner Karriere.» Tatsächlich ist die Zweitwohnungsinitiative das einzige Anliegen, das er in der Bundesverfassung verankern konnte.

Insgesamt hat Weber 15 kantonale und 12 eidgenössische Initiativen eingereicht – so viele wie niemand sonst. Von den nationalen Begehren kamen nur vier zur Abstimmung. Die übrigen zog Weber zurück, weil ihm Bundesrat und Parlament entgegenkamen. Ohne Chance blieben die Initiativen für mehr Demokratie im Nationalstrassenbau (1978), für die Abschaffung der Vivisektion (1985) und gegen Kampfjetlärm (2008).

«Mord an der Landschaft»

Die Vehemenz, mit der Weber bei der Kampfjetinitiative auftrat, hat der Sache laut Beobachtern geschadet. Tatsächlich ging mit Weber bisweilen das Temperament durch: Er warf der Luftwaffe Lärmkrieg gegen die eigene Bevölkerung vor und behauptete in einer Nationalratskommission, Berner Alpkäse stinke nach Kerosin. In solchen Momenten drohte Weber zur Karikatur seiner selbst zu werden.

Bei der Zweitwohnungsinitiative rief Weber zwar auch dazu auf, den «Mord an der Landschaft zu stoppen». Verglichen mit früheren Kampagnen agierte er jedoch zurückhaltend. Er habe gewusst, dass die Chancen für ein Ja sehr gross seien, sagte

Weber nach dem Abstimmungssieg. Offensichtlich erkannte er, dass es in diesem Fall nicht der übermässigen Provokation bedurfte. «Bei früheren Fällen wollten wir aufrütteln. Hier wollten wir gewinnen», sagte er.

Mit der Zweitwohnungsinitiative ist Weberzum Ursprungseines Engagements zurückgekehrt – zum Kampf gegen den überbordenden Wohnungsbau in den Alpen. Was 1965 in Surlej seinen Anfang nahm, hat 2012 an der Abstimmungsurne sein Ende gefunden. Mit durchschlagendem Erfolg. Am Dienstag ist Franz Weber im Alter von 91 Jahren in Bern gestorben.