ta 20100924 gerlinde kaltbrunnerGerlinde Kaltenbrunner ist die beste Alpinistin der Welt. Sie hat alle Achttausender bestiegen – bis auf den K2. Sechs Versuche hat sie am gefährlichsten Berg der Erde unternommen. Der letzte endete in einer Tragödie.
Tages-Anzeiger, 24. September 2010

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Daniel Foppa

Diesmal soll es klappen. Der Meteorologe in Innsbruck hat via Satellitentelefon den Bergsteigern in Pakistan grünes Licht gegeben. Die Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner, der schwedische Extremskifahrer Fredrik Ericsson und dessen Partner Trey Cook verlassen in der Nacht auf den 6. August das La- ger auf 7950 Meter Höhe. Ihr Ziel ist der 8611 Meter hohe K2 an der pakistanisch-chinesischen Grenze. Die Todesrate am zweithöchsten und schwierigsten Achttausender beträgt 27 Prozent; jeder Vierte kommt nicht zurück.

Kaltenbrunners Ehemann Ralf Dujmovits, auch er ein Profi-Bergsteiger, ist bereits früher umgekehrt. Der Aufstieg war ihm wegen Steinschlags zu gefährlich. Die drei Alpinisten kommen gut voran, doch nach einer Weile spürt Cook seine Finger nicht mehr und kehrt um. Ericsson und Kaltenbrunner sind allein, wechseln sich beim Spuren ab. Gegen Morgen erreichen sie den sogenannten Flaschenhals auf 8300 Meter Höhe, die Schlüsselstelle am K2: eine Eisrinne, begrenzt von Felsen und Eisabbrüchen, die jederzeit zu Tal stürzen können.

2008 kamen hier elf Bergsteiger ums Leben, als ein Eisturm zusammenbrach. Wer nicht gleich erschlagen wurde, war oberhalb des Flaschenhalses gefangen und kam nicht mehr weg, weil das Eis alle Fixseile mitgerissen hatte. Die Alpinisten erfroren, denn eine Helibergung ist in diesen Höhen ausgeschlossen.

Sturz in den Tod

Ericsson und Kaltenbrunner gehen die Rinne ungesichert an. Ohne Seil sind sie schneller, und Schnelligkeit ist unter Eisabbrüchen überlebenswichtig. Als die Rinne bis zu 80 Grad steil wird, will Ericsson einen Haken einschlagen, um zu sichern. Kaltenbrunner steht 30 Meter tiefer. Plötzlich stösst Ericsson einen Schrei aus und stürzt an ihr vorbei – ein Stück Fels ist ausgebrochen. Die Alpinistin muss zuschauen, wie der Freund unmittelbar neben ihr in den Tod stürzt.

«Das Schlimmste war, nicht eingreifen zu können», sagt Kaltenbrunner. Zunächst klammert sie sich wie festgefroren am Eispickel fest. Dann steigt sie ab, in der vagen Hoffnung, Ericsson irgendwo zu finden. Doch bald kommt per Funk die Nachricht aus dem Basislager. Ericssons Körper wurde 1000 Meter unterhalb der Absturzstelle auf der Höhe von Lager 3 leblos gesichtet.

Kaltenbrunner schafft es zurück ins Basislager. Auf dem Weg nach unten sei ihr alles Mögliche durch den Kopf gegangen: Warum Ericsson? Was lief falsch? «Aber keine Sekunde habe ich daran gedacht, mit dem Höhenbergsteigen aufzuhören», sagt die 39-Jährige.

Mitten in der Flutkatastrophe

Die Erschütterung über den Verlust des Freundes ist Kaltenbrunner auch über einen Monat nach dem Unglück noch anzumerken. Sie sitzt in ihrem Haus in Bühl im Schwarzwald, wo sie mit Dujmovits ein Expeditionsbüro betreibt. Obwohl sie schon ein Dutzend gute Freunde am Berg verloren hat, geht ihr Ericssons Tod besonders nahe. Letztes Jahr musste sie am K2 mitansehen, wie Ericssons Freund Michele Fait bei einer Skiabfahrt zu Tode stürzte. «Ich fürchtete mich so, dass auch Fredrik bei der Abfahrt etwas zustösst. Aber doch nicht im Aufstieg.»

Kommt hinzu, dass die Expedition bei der Rückreise mitten in die Flutkatastrophe geriet, die Pakistan heimsuchte. «Wir kamen in Dörfer, die von Murgängen zerstört worden waren», sagt Kaltenbrunner. Hinterfragt man angesichts solchen Leids das eigene Tun nicht noch stärker, das sinnlose Bezwingen höchster Berge, nur um danach wieder runterzusteigen? «Wenn wir die Expeditionen einstellen, haben die Leute keine Einkünfte mehr», sagt Kaltenbrunner. Die unsichere politische Lage in Nordpakistan habe den Tourismus einbrechen und viele Leute verarmen lassen. Sie und ihr Mann engagieren sich seit Jahren für die Bevölkerung im Karakorum und im Himalaja – Gegenden, die ihr zur zweiten Heimat wurden.

Kontinuierlich hat sich die zierliche Oberösterreicherin in den letzten Jahren an die Spitze des internationalen Alpinismus emporgearbeitet. Die Krankenschwester, die seit 2003 Profibergsteigerin ist, gilt unterdessen als «beste Höhenbergsteigerin der Welt» (Reinhold Messner). Denn Kaltenbrunner verzichtet auf Flaschensauerstoff und ab dem Basislager auf den Einsatz von Sherpas.

Dieses Frühjahr wurde die Weltpresse auf die Alpinistin aufmerksam, die plötzlich in einen ihr unangenehmen Wettkampf verwickelt war. Es ging darum, welche Frau als Erste alle 14 Achttausender bezwingen konnte. Lange führte Kaltenbrunner, bis sie eingeholt wurde von der Südkoreanerin Oh Eun-sun und der Spanierin Edurne Pasabán. Vor allem das Vorgehen der Koreanerin sorgte für Kritik: Sie liess sich in die Basislager fliegen und konnte auf die Unterstützung eines grossen Teams zählen, das ihr Gepäck trug und Fixseile verlegte.

Männerdominierte Welt

Am 27. April erreichte Oh mit drei Sherpas und zwei Kameramännern den Gipfel der Annapurna, ihres 14. Achttausenders. Das südkoreanische Fernsehen übertrug live und feierte sie als Nationalheldin. Unterschlagen wurde, dass Ohs Besteigung des Kangchendzönga angezweifelt wird, existiert als Beweis doch nur ein angebliches Gipfelbild. Auch Pasabán bezwang die 14 Achttausender meist in Grossteams und verzichtete wie Oh nicht auf künstlichen Sauerstoff. Kaltenbrunner hingegen klettert im kleinen Team und im sogenannten Alpinstil. Vom Basislager an ist sie ihr eigener Sherpa. Flaschensauerstoff kommt für sie nicht infrage, «denn so wird ein Achttausender zum Sechstausender».

Mit dem konsequenten Verzicht auf künstlichen Sauerstoff gehört Kaltenbrunner zu einer Minderheit. Von den gut 3000 Alpinisten, die bisher auf dem Mount Everest standen, verzichteten nur 132 auf Atemhilfen. Kaltenbrunners herausragende Leistung verschafft ihr in der männerdominierten Welt des Ex-trembergsteigens Respekt – und ebenso viele Neider. Sie muss sich zunehmend dagegen wehren, dass ihre Berichte öffentlich angezweifelt werden.

Am Berg hingegen sieht jeder, was die Frau kann. Sie erzählt von einer Episode am Nanga Parbat, wo sie zusammen mit einer Gruppe Kasachen aufstieg. Beim morgendlichen Aufbruch wurden die Personen gezählt, um die Spurarbeit gleichmässig auf alle zu verteilen. «Da haben die mich einfach nicht mitgezählt. Als sei ich nicht da», erzählt Kaltenbrunner. Als sie mit Spuren an der Reihe gewesen wäre, sei sie wortlos von einem der Kasachen überholt worden. Ebenso wortlos setzte sich Kaltenbrunner wieder an die Spitze – und spurte zum Erstaunen der Männer ohne Problem.

«Oben im Lager wollten sie wissen, wie ich heisse, welche Berge ich schon bestiegen hatte – und das Eis war gebrochen.» Die Kasachen tauften sie auf den Namen Cinderella Caterpillar (Bagger-Aschenbrödel). Der Name macht im ganzen Karakorum die Runde.

Kaltenbrunner verzichtet wegen des Extrembergsteigens auf Kinder. Schicksale wie das der Engländerin Alison Hargreaves, die 1995 am K2 im Sturm ums Leben kam und zwei kleine Kinder zurückliess, sind ihr Albtraum. Meist ist sie mit ihrem 48-jährigen deutschen Ehemann Dujmovits unterwegs. Was sich wie der Idealfall einer Beziehung anhört, ist tatsächlich eine enorme Belastung. «So schön das ist, der Druck ist doppelt so gross», sagt die Alpinistin. Stösst einem der beiden etwas zu, verliert der andere nicht nur seinen Seil-, sondern auch den Lebenspartner.

Das extreme Risiko des Höhenbergsteigens führt das Paar in Situationen, die für Aussenstehende nicht nachvollziehbar sind. So ist es mehrfach vorgekommen, dass Dujmovits – der bereits alle Achttausender bestiegen hat – umkehrte, weil es ihm zu gefährlich wurde. Kaltenbrunner respektierte das. Und setzte den Aufstieg alleine fort.

Von einer Lawine verschüttet

Schlüsselerlebnis war die Besteigung der Annapurna. Die Alpinistin erzählt, wie beide ein aus heutiger Sicht unverantwortbares Risiko eingegangen sind. Stundenlang stiegen sie unter instabilen Eisabbrüchen auf. Nachdem sie tatsächlich um ein Haar von Eis erschlagen worden sind, will Dujmovits nicht mehr weiter. Seine Frau schon. «Ich hatte ein gutes Gefühl. Irgendwie wusste ich, dass ich durchkomme.» Sie steigt allein weiter – doch als sie sich umdreht, sieht sie, wie Dujmovits ihr folgt. «Ich hätte es mir nie verzeihen, wenn Ralf da etwas zugestossen wäre», sagt sie heute. Seither gilt die Abmachung, dass jeder den Entscheid des anderen respektiert und keiner sich verpflichtet fühlt, aus Rücksicht auf den anderen weiterzugehen. Solche Regeln gelten an Achttausendern. Offenbar selbst unter Ehepartnern.

Bereits mehrfach hat Kaltenbrunner Glück gehabt. Nicht nur an der Annapurna, wo kurz nach ihrer Besteigung zwei Japaner vom Eis erschlagen wurden. 2007 überlebte sie am Dhaulagiri nur knapp eine Lawine. Sie hatte ihr Lager neben zwei Spaniern aufgeschlagen und schlief, als die Lawine kam. Ihr Zelt wird mitgespült und verschüttet. Mit einem Messer kann sie die Zeltplane durchschneiden und sich befreien. Das Zelt der Spanier hingegen, das schon länger dasteht, ist am Boden festgefroren und wird nicht mitgerissen. Der betonfeste Schnee erdrückt die zwei Bergsteiger. Kaltenbrunner kann nur noch ihre Leichen freischaufeln.

Stellt sich eine Extrembergsteigerin nicht irgendwann die Frage, wann das Glück aufgebraucht ist? «Ich weiss nicht, wie viel Glück mir zusteht. Ich versuche einfach, es so wenig wie möglich zu strapazieren», sagt die Alpinistin, die statistisch gesehen längst tot sein müsste.

Immer wieder der K2

Eigentlich hat sie als Bergsteigerin fast alles erreicht, klettert seit Jahren an der absoluten Spitze – und könnte sich nun anderem widmen. Wenn da nur nicht der K2 wäre. Dieser Berg, der «so schön ist, dass es mir jedes Mal die Sprache verschlägt». Ist er ihr Schicksalsberg? «Schaut ganz so aus.» Würde sie sich freier fühlen, wenn die Besteigung endlich gelingt? «Ich denke schon.»

Und was käme danach, hat man nicht irgendwann genug von Kälte, Strapazen und Todesgefahr? «Ich werde auf hohe Berge steigen, solange es geht», sagt sie. Nur schon wegen der Abendstimmung am K2: «Man sitzt wie in einem Vogelnest im Hochlager, die Berge des Karakorums leuchten, und der Blick geht weit nach China hinein.» Überhaupt sei das Leben dort oben von besonderer Intensität. Kaltenbrunner wird zum K2 zurückkehren. Als sie nach einem der letzten Versuche wieder ins Basislager kam, erwartete sie ein Sherpa mit einer eigens gebackenen Schokoladentorte. Sie trug eine Aufschrift aus Zuckerguss: «K2 – Try again!»