ta 20111031 xavier rosset 200Xavier Rosset lebte 300 Tage alleine auf einer Insel im Südpazifik. Jetzt kehrt er dorthin zurück - und mit ihm Menschen auf der Suche nach der ultimativen Auszeit.
Tages-Anzeiger, 31. Oktober 2011

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Daniel Foppa

Nach sieben Tagen hatte er eigentlich genug. Xavier Rosset war aufgebrochen, wie Robinson Crusoe auf einer menschenleeren Insel zu überleben - ausgerüstet mit einer Machete, Medikamenten und einem Satellitentelefon. Für sein Abenteuer hatte er sich die Insel Tofua im Südpazifik ausgesucht. Hier strandete 1789 Kapitän William Bligh, nachdem die Besatzung seines Schiffs Bounty gemeutert und ihn mit ein paar Getreuen in einem Boot ausgesetzt hatte. Die Briten blieben nur kurz, und auch Rosset überkam schon bald der Inselkoller.

«Nach einer Woche fuhr mir die Einsamkeit in die Knochen», sagt Rosset heute. Zwei Jahre sind seither vergangen, doch der Walliser erzählt, als sei er gestern erst zurückgekehrt. «Die ersten Tage war ich mit Überleben beschäftigt: Nahrung finden, eine Hütte bauen.» Rosset ernährt sich zuerst nur von Kokosnüssen, bekommt Durchfall und muss den Menüplan erweitern. Er fängt Fische und sammelt Früchte. Aus Palmen fertigt er eine Behausung. Als alles erledigt ist, fällt Rosset in ein Loch.

Vom Freerider zum Eremiten

«Ich musste lernen, geduldig zu sein und zu akzeptieren, was ich nicht ändern konnte», sagt er. Bis ihn ein Boot abgeholt hätte, wäre eine Woche vergangen. So fügt sich der 32-Jährige in die selbst gewählte Isolation, erkundet die 64 Quadratkilometer grosse Insel, baut Gemüse an und zimmert eine Bank, von der aus er stundenlang aufs Meer schaut.

Bevor er zu seinem Abenteuer aufbrach, gehörte der in Verbier aufgewachsene Rosset zur Freeride-Weltelite der Snowboarder. Doch mit der Zeit liess die Motivation nach, und Rosset wollte etwas ganz anderes tun: «Ich kenne die Berge, die Kälte und bin ein sehr sozialer Mensch. Das Gegenteil ist das Meer, die Hitze und die Einsamkeit.» Rosset suchte eine Insel und Sponsoren, verabschiedete sich von seiner Freundin und ging schliesslich auf Tofua an Land. Ein wenig wie Tom Hanks im Film «Cast Away» - nur habe dieser seine Einsamkeit nicht selbst gewählt, sagt Rosset.Überhaupt, die Einsamkeit. «Mit den physischen Strapazen kommt man zurecht», erklärt der Abenteurer, der sich auf der Insel unter telefonischer Anleitung eines Arztes einen entzündeten Finger operieren muss. Schlimmer sei, dass man seine Eindrücke mit niemandem teilen könne. Rosset ist entzückt, als er in einem Loch, dass ihm als Falle dient, ein Baby-Wildschwein findet. Das Tier ist zu winzig und zu putzig zum Essen. Er tauft es auf den Namen Peggy. Während Wochen wird das kleine Schwein zum treuen Begleiter, bis es schliesslich im Dschungel verschwindet.

«Das Abenteuer des Lebens»

Der Walliser übersteht ein Erdbeben und einen Wirbelsturm. Er fügt sich dem Rhythmus der Natur. Täglich ritzt er einen Strich in eine Palme, um die Tage zu zählen. «Das Zeitgefühl geht verloren, die Tage fliessen ineinander», sagt er. Die teure Uhr seines Sponsors hat er zu dessen Missfallen bei der Ankunft im Sand vergraben. Am 19. Juni 2009, nach genau 300 Tagen, gräbt er sie wieder aus. Ein Motorboot bringt den um 18 Kilogramm abgemagerten Vollbartträger zurück in die Zivilisation.

Zweimal war Rosset inzwischen wieder auf Tofua. Für 25 Jahre hat er dort etwas Boden gemietet, den er ab nächstem Februar für eine besondere Idee nutzen will: Rosset wird Menschen nach Tofua begleiten, die eine Auszeit nehmen möchten. Wer die Robinsonade bucht, muss dafür ein paar Tausend Franken hinblättern und bereit sein, mindestens einen Monat auf der Insel zu verbringen. Ein Dschungelcamp für zivilisationsmüde Mitteleuropäer?

Rosset kontert mit seiner entwaffnenden Begeisterung: «Das ist kein Spiel. Jeder wird mit Überleben und Staunen beschäftigt sein. Und das Abenteuer seines Lebens erleben.» Interessiert sich jemand für die Teilnahme, führt Rosset ein langes Gespräch mit ihm. «Ich will die Motivation ergründen. Vielleicht rate ich ihm danach, besser nach Ibiza zu fliegen.» Auf Tofua wird Rosset den Teilnehmern zeigen, wie man überlebt. Anschliessend zieht er sich zurück, bleibt aber auf dem Eiland.

Und weshalb soll sich jemand dafür entscheiden, einen Monat lang auf einer einsamen Insel zu sitzen? Höhere Einsichten oder spirituelle Erleuchtung müsse man nicht erwarten, sagt Rosset. «Aber man lernt sich selber kennen. Das ist schon mal nicht schlecht.»