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Der Südtiroler Extremalpinist und Sinnsucher Reinhold Messner wird 65. Sein Tatendrang ist ungebrochen. Sein Zorn auf «Pistenalpinisten» und traditionelle Alpenvereine ebenso.
Tages-Anzeiger, 5. September 2009

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Mit Reinhold Messner sprach Daniel Foppa in Bozen

Herr Messner, hören Sie eigentlich nie mit dem Bergsteigen auf?
Ich werde weiter auf Berge steigen - aber auf niedrigerem Niveau. Bis 1969 war ich Kletterer. Danach 15 Jahre Höhenbergsteiger, und anschliessend durchquerte ich die grossen Eis- und Sandwüsten. Jetzt widme ich mich mit derselben Vehemenz und Intensität meinen Museen. Wenn alle fertig eingerichtet sind, suche ich mir neue Herausforderungen.

Eben haben Sie ein weiteres Mal den Ortler bestiegen. Vor fünf Jahren hätten Sie in seiner Westwand beinahe das Leben verloren, wie Sie in Ihrem neusten Buch schreiben.
Diese Durchsteigung war eine Dummheit. Wir suchten die Route der Erstbesteiger, als uns das schlechte Wetter überraschte. Die Sache wurde gefährlich, da Eisschlag drohte und wir uns im Nebel kaum orientieren konnten. Wir fanden schliesslich einen Ausweg.

Sie finden stets einen Ausweg. Wie haben Sie es geschafft, alle Achttausender zu besteigen und am Leben zu bleiben?
Ich bin ein vorsichtiger und ängstlicher Mensch, und ich hatte auch Glück, vor allem zu Beginn meiner Laufbahn. Mit der Zeit liess mich meine Erfahrung in Gefahrensituationen instinktiv das Richtige tun. Für das Überleben sind die Instinkte mindestens so wichtig wie der Intellekt. Wenn es zu kritischen Situationen kommt, wäre der Verstand viel zu langsam. Da reagieren wir wie wilde Tiere.

Wann war es am gefährlichsten?
Bei der Überquerung des Nordpolarmeers mit Ski brach im Sturm plötzlich das Eis. Wir mussten am offenen Wasser vorbei über instabiles Eis einen Weg suchen. Kritisch war es auch am Kangchendzönga, dem dritthöchsten Bergder Erde. Dort hat uns der Jetstream das Zelt zerfetzt. Am gefährlichsten war es 1970 am Nanga Parbat, meinem ersten Achttausender.

Am Nanga Parbat kam Ihr Bruder ums Leben. Sie selbst erlitten schwere Erfrierungen. Expeditionsteilnehmer warfen Ihnen vor, den Bruder im Stich gelassen zu haben.
Mein Bruder starb nach dem Abstieg über die Westseite in einer Eislawine. Ich war etwas voraus, um den Weg zu suchen. 2005 hat man die Überreste von Günther gefunden. Der Fundort bestätigt, dass wir gemeinsam auf derselben Seite abgestiegen sind. Damit sind die Vorwürfe widerlegt. Erhoben werden sie von Leuten, die das schlechte Gewissen plagt, weil sie nicht nach Günther und mir gesucht haben. Zudem geht es um Neid: Ich kam mehr tot als lebendig vom Nanga Parbat herunter und bestieg nachher alle Achttausender. Also lass die Leute reden, ich bin ihre Wirtspflanze.

Es kam zu einer erbitterten Fehde zwischen Ihnen und Ihren ehemaligen Kameraden.
2003 konnten zwei ehemalige Expeditionsteilnehmer im Alpenvereinshaus in München ihre Lügen verbreiten. Einer von ihnen sagte: «Wir alle sind Schafsköpfe, wenn der Messner die Leiche seines Bruders an der Westseite des Nanga Parbat findet.» Ich stelle heute fest: Sie sind selbst ernannte «Schafsköpfe».

Warum kommt es unter Höhenbergsteigern so oft zu Disputen?
Das Höhenbergsteigen spielt sich in einer archaischen, lebensfeindlichen Welt ab. Dort gibt es keine Gesetze. Jeder trägt für sich selbst die Verantwortung. Das ist von aussen betrachtet sehr egoistisch und wird auch kritisiert. Doch die Konsequenzen muss der Alpinist selber tragen. Wenn er einen Fehler begeht, gibt es keinen Richter, sondern ein Todesurteil. Die Natur ist unerbittlich.

Weshalb setzt man sich einer solchen Welt aus?
Weil das Bergsteigen eine anarchische Angelegenheit ist. Es herrscht der absolute Freiraum. Wir sind selber Regelgeber und Schiedsrichter, tragen aber die ganze Verantwortung für unser Tun.

Und wo liegt der Sinn des Ganzen?
Bergsteigen ist nutzlos und reiner Selbstzweck. Das wollte man lange nicht so sehen. Früher musste das Bergsteigen einen erzieherischen Wert haben. Der deutsche und italienische Faschismus förderte die Bergsteiger zu Propagandazwecken. Die Alpinisten waren mit ihrer Ausdauer, Leidensfähigkeit und der angeblichen Bereitschaft, für die Nation und die Kameraden zu sterben, die idealen Soldaten. Eine völlig kranke Sicht auf unser Tun.

Sie wettern gegen das, was Sie «heuchlerische Bergsteigerromantik» nennen.
Einen Sterbenden kann einer allein auf über 8000 Meter nicht retten. Wer das fordert, war noch nie dort oben. Die Sprüche von Kameradschaft bis in den Tod sind fürchterlich überzogen. Das gilt auch für die Behauptung, auf dem Gipfel sei man Gott näher.

Worin besteht denn für Sie die Faszination des Bergsteigens?
Im Zurückkommen aus der Wildnis. Eigentlich ist es absurd: Man geht dahin, wo das Umkommen mehr als wahrscheinlich ist - um nicht umzukommen. Ich steige nicht auf Berge, um Gipfel zu bezwingen, sondern um zurückzukehren in die normale Welt. Es ist wie eine zweite Geburt. Solche Schlüsselmomente vermitteln die Erkenntnis, dass man das Leben mit all seinem Willen, seinen Fähigkeiten und seinem Instinkt ausfüllen muss.

Was sagen Sie zu den aktuellen Tendenzen im Alpinismus?
Die grosse Masse der Bergsteiger benutzt vorgegebene, präparierte Routen. Dieses Bergsteigen nenne ich Pistenalpinismus. Doch es gibt eine kleine Elite von Bergsteigern, die absolut auf dem archaischen Trip ist. Dazu gehören Leute wie der Schweizer Ueli Steck, der seilfrei schwierigste Routen klettert oder allein durch die Annapurna-Südwand will.

Was spricht gegen gesicherte Routen? So gibt es weniger Unfälle.
Das Gegenteil ist der Fall. Solche Routen ziehen Leute an, die sich sonst nie an diese Berge wagen würden. Sie wissen, dass sie jederzeit einen Helikopter alarmieren können. So delegieren sie die Verantwortung und geben ihre Freiräume auf. Das Erfahrungspotenzial ist ungemein grösser, wenn man sich in der Gefahr exponiert. Ich habe beim Bergsteigen immer das Abenteuerliche, das Unbekannte gesucht. Mir ging es nicht um Schnelligkeit oder messbare Erfolge.

Immerhin konnten Sie als Erster alle 14 Achttausender verbuchen.
Es war nie mein Ziel, alle Achttausender zu «sammeln». Ich habe mehrere zweimal bestiegen, bevor ich auf allen Achttausendern war. Ich wollte neue Routen gehen und mit möglichst wenig Rückendeckung die Gipfel erreichen. Das ist mein Alpinismus.

Mit Ihren Büchern und Vorträgen haben Sie aber den Pistenalpinismus gefördert.
Ich habe weder Pisten eingerichtet, noch bin ich solchen gefolgt. Ich habe mich stets dagegen ausgesprochen, Routen möglichst sicher zu machen. Das hat mir viel Kritik eingetragen. Die Alpenvereine haben mir vorgeworfen, meine Haltung sei ein Verbrechen. Ich entgegne, dass der Alpinismus vom Massenverein DAV (Deutscher Alpenverein) verraten wird.

Sie rufen zu mehr Risiko auf?
Wenn sich Alpinisten exponieren, wächst ihr Bewusstsein für die Gefahr. Das Bergsteigen entwickelt sich jedoch so, wie das Skifahren vor 80 Jahren. Früher waren Skis Fortbewegungsmittel, um irgendwo hinzugehen. Heute fährt man auf gesicherten Pisten, für die ein Betreiber die Verantwortung trägt.

Also zurück zur Wildnis?
Die Berge kann man nutzen bis hinauf zu den höchsten Alpweiden. Darüber soll die Natur sich selbst überlassen werden. Sonst werden wir bald keine Gefahrenräume mehr haben. Was bliebe, wären banale Abenteuerspielplätze. Wenn ich von einem Berg nicht mehr runterfallen kann, ist es kein Berg, sondern eine Attrappe.

Sisyphus aus Südtirol

Reinhold Messner vergleicht sich gerne mit Sisyphus. Tatsächlich widmet er sein Leben der Eroberung des Nutzlosen. Als erster Mensch bestieg er alle 14 Achttausender, bezwang den Mount Everest ohne Sauerstoffgerät und durchquerte zu Fuss die Antarktis. Sisyphus soll ein glücklicher Mensch sein, sagt Camus. Bei Messner ist man sich nicht so sicher. Im Gespräch ist er engagiert, präzis, bisweilen belehrend - und frei jeder Altersmilde. Zweifellos hat der unangepasste «Berg-Philosoph» viel zu sagen. Sein neues, eben erschienenes Buch «Prinzip Abgrund» (Verlag S. Fischer) ist ein eindringliches Plädoyer gegen den Massenalpinismus. Und ein Beispiel gewiefter Selbstvermarktung: Das Buch ist bereits Messners 50. Werk. (daf)