Der Autor Charles Lewinsky ist gegen einen EU-Beitritt – fordert aber weniger Inselbewusstsein der Schweiz.
Tages-Anzeiger, 31. Juli 2010

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Mit Charles Lewinsky sprach Daniel Foppa

Sie haben geschrieben: «Wir leben in einem Land, in dem die 1.-August-Reden immer weniger mit der Realität zu tun haben.» Wie meinen Sie das?
Dass in jedem Dorf zum Nationalfeiertag immer auch eine Rede gehört, ist eine typisch schweizerische Einrichtung. Ich weiss nicht, ob es das sonstwo in dieser Art gibt. Der 1. August wird ja erst seit Ende des 19. Jahrhunderts gefeiert. Das war mir unbekannt, als ich den Roman «Melnitz» schrieb. Dort ist 1873 von einer 1.-August-Feier die Rede. Ein Historiker schrieb mir dann, dass es damals noch gar keine solchen Feiern gab. Seit es den 1. August aber gibt, wird in Reden ein theoretisches Land beschrieben, ein «Es-wäre-schön-wenn-es-so-wär-Land». Probleme werden selten angesprochen, sondern zumeist Ideale beschworen.

Ist denn die Realität so weit entfernt vom Ideal? Wir sind wohlhabend, demokratisch und vereinen vier Kulturen friedlich in einem Land.
Am 1. August wird die Sonderrolle der Schweiz betont: Es gibt die Schweiz und den Rest der Welt. Dabei geht vergessen, dass wir keine Insel sind, sondern Teil dieser Welt. Die Schweiz ist so speziell, wie jedes Land auf seine Art speziell ist. Sie neigt aber dazu, sich besser als andere zu fühlen. Wir müssen uns wieder mehr hinterfragen.

Tun wir das nicht andauernd?
Nehmen Sie die Geschichte der Schweiz im 2. Weltkrieg. Die damalige Regierung hat erreicht, dass das Land nicht in den Krieg verwickelt wurde. Das ist eine tolle Leistung, die aber nichts mit Heroismus oder Tugendhaftigkeit zu tun hat. Die Schweiz hat sich «durchgewurstelt». Das war das Beste, was man erreichen konnte. Hinterher aber zu sagen, man sei heldisch und moralisch unanfechtbar gewesen, ist Geschichtsklitterung.

Bei der Debatte um die Schweiz im 2. Weltkrieg hatte man jedoch bisweilen das Gefühl, das Verhalten der Kriegsgeneration werde schlechter gemacht, als es tatsächlich war.
Es gibt eine Pendelbewegung zwischen Heroisieren und Kritisieren. Zudem beruht Kritik oft auch auf einer Art umgekehrter Heroisierung. Man kritisiert, indem man sagt: «Ihr hättet unanfechtbar sein sollen!» Weil das niemand ist, fällt die Kritik leicht. In den letzten Jahren war das Kritisieren vorherrschend. Doch jetzt schlägt das Pendel zurück. Jetzt kann man mit Heroisieren wieder politisch erfolgreich sein. Man gewinnt Stimmen, wenn man sagt: «Wir Schweizer sind die Besten!» Die SVP hat Erfolg, indem sie Ausländer ausweisen will und sie ausgrenzt.

Nimmt die SVP eine Grundstimmung in der Bevölkerung auf, oder feuert sie diese erst an?
Die SVP funktioniert wie eine Werbeagentur und setzt auf latent vorhandene Stimmungen. Dank der Millionäre, die die Partei finanzieren, hat sie ja auch ein imposantes Werbebudget, um Stimmung gegen Ausländer zu machen. Wer kritisiert, hat es einfacher. Eine schlechte Kritik kann man immer brillanter formulieren als eine gute.

Grund für einen Verriss ist aber meist ein schlechtes Stück – wie auch die SVP Probleme aufgreift, die die Leute tatsächlich bewegen.
Entscheidend sind die Lösungen, die eine Partei anbietet. Jemand hat mal gesagt: Komplexe Probleme haben einfache, leicht verständliche, aber falsche Lösungen. Einfache Argumente haben die Tendenz, das Richtige zu schlagen, wenn das Richtige kompliziert ist. Probleme zu analysieren, ist schwieriger.

Schwieriger als vor ein paar Jahren?
Das glaube ich nicht. Das Grundproblem ist nicht neu. In meiner Jugend waren die Roten das Feindbild. Statt zu argumentieren, sagte man: «Geht doch nach Moskau!» Was störte, war kommunistisch. Im Moment ist das Störende ausländisch oder islamistisch. Es wird immer eine Gruppe geben, die als Zielscheibe für einfache Antworten dient.

Gibt es nicht auch zu theoretische Antworten? Die Linke hat die Ausländerthematik jahrelang verdrängt.
Das ist ein Versäumnis. Es gibt auch die Tabus der Gutmeinenden. Aber generell ist es in der direkten Demokratie unvergleichlich schwieriger, die Mehrheit von komplexen Lösungen zu überzeugen. Ich halte es mit Churchill: «Demokratie ist die absolut schlechteste Regierungsform – abgesehen von allen anderen.»

Das klingt nach elitärem Dünkel.
Ich finde es bemerkenswert und bedrohlich, dass wir bald wieder da sind, wo «intellektuell» ein Schimpfwort ist. Dasheisst, dass man nicht will, dass nachgedacht wird. Es ist kein Zeichen von Bildungsdünkel, wenn man sich gegen Vereinfachungsdünkel wehrt.

Dann ganz ohne Bildungs- und Vereinfachungsdünkel gefragt: Wie soll man beispielsweise mit schlecht integrierten Ausländern umgehen?
Man muss mit allen Mitteln die Integration fördern. Dazu braucht es Geld, aber auch eine gewisse Pflicht zur Integration. Solange Parallelgesellschaften bestehen, gibt es Probleme – unabhängig davon, worin der Unterschied zur Umgebungskultur besteht. Er mag ethnisch, religiös oder wirtschaftlich sein. Wenn die Schere zwischen Arm und Reich weiterhin so aufgeht, bestehen bald zwei Gesellschaften nebeneinander. Auch so entstehen Parallelgesellschaften.

Die Minarett-Initiative war auch ein Votum gegen Parallelgesellschaften.
Der Entscheid bewirkt genau das Gegenteil. Man sagt den Muslimen: Ihr gehört nicht zu uns. Wir können nicht Leute ausgrenzen und gleichzeitig von ihnen Integration fordern. Das ist auch bei der SVP-Ausschaffungsinitiative so. Sie führt zu zweierlei Recht: Wer den Schweizer Pass hat, wird für dieselbe Straftat anders bestraft als ein Ausländer.

Verwirkt ein krimineller Ausländer nicht sein Gastrecht?
Ich bin dagegen, Straffällige je nach Herkunft unterschiedlich zu behandeln. Im Wort «Gastrecht» steckt auch das Wort «Recht». Wir haben in Abkommen das freie Niederlassungsrecht geregelt. Das wurde mit sämtlichen Nachbarländern so vereinbart.

In diesen Ländern fehlt zunehmend das Verständnis für den europapolitischen Sonderweg der Schweiz. Bleibt nur noch der EU-Beitritt?
Ich bin gegen den Beitritt. Die EU ist eine undemokratische Gemeinschaft. Dieses Gebilde ist viel zu weit entfernt von dem Staatssystem, das wir in den letzten 150 Jahren erfolgreich aufgebaut haben. In der EU bestimmen nicht gewählte Personen zentralistisch, was für alle gilt.

Ist die EU nicht trotz aller Mängel eine Erfolgsgeschichte, die zu Stabilität und wirtschaftlicher Prosperität in Europa geführt hat?
Die EU hat ihre Verdienste. Doch seit dem Beitritt der osteuropäischen Länder benötigen viele Staaten finanzielle Unterstützung in einem Ausmass, das auf Dauer nicht bezahlbar sein wird. Zudem treibt die EU-Bürokratie skurrile Blüten. Ich habe zum Beispiel einmal festgestellt, dass die Bauern in meinem Dorf in Frankreich plötzlich viel mehr Mais anpflanzten. Als ich nach den Gründen fragte, wurde mir gesagt: Weil es in der EU zu viel Mais gibt. Ich dachte erst, ich hätte falsch verstanden. Dann erklärten sie mir, dass es eine Stilllegeprämie für Maisfelder gibt. Und diese wollten sie abholen. Den Mais warfen sie weg.

Wie sollte sich denn die Schweiz innerhalb Europas positionieren?
Wir hatten unsere Chance 1992 mit der EWR-Abstimmung. Das wäre nach wie vor eine gute Lösung. Denn je mehr Staaten der EU beitreten, desto unmöglicher werden bilaterale Lösungen. Und je grösser die EU wird, desto fordernder wird sie auftreten. Möglicherweise wird man uns einst schreiend und zappelnd in die EU schleifen.

Die Schweiz erlebt Zeiten des Umbruchs. Von den Kulturschaffenden äussert sich jedoch kaum jemand. Weshalb ist das so?
Ich habe nicht den Eindruck, dass sich die Kulturschaffenden in das Schneckenhaus zurückgezogen haben. Womöglich hat der intellektuelle Hochmut etwas abgenommen, sich zu allem und jedem äussern zu wollen. Es mag auch eine Frage der Wahrnehmung sein. Für die Medien sind Äusserungen eines Präsidenten des islamischen Zentralrats interessanter als Stellungnahmen von Kulturschaffenden.

Sie selbst sind im Februar im Alter von 63 Jahren der SP beigetreten. Weshalb dieser späte Schritt?
Weil ich meine, dass die SP das beste Gegengewicht zur SVP bildet. Die Partei steht mir am nächsten, auch wenn ich nicht jede Zeile ihres Programms unterschreiben würde. Gerade in der EU-Frage bestehen grosse Differenzen. Doch bis jemand ein Parteiprogramm entwirft, das ich zu hundert Prozent unterschreiben kann, werde ich zu alt sein, um noch den Kugelschreiber zu halten.