Der Erfolg von Exit ist kein Fortschritt. Wer dem Suizid die Ausserordentlichkeit nimmt, setzt Alte und Kranke unter Druck.
Tages-Anzeiger, 1. Juni 2012

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Daniel Foppa

Rund 700 Delegierte und Gäste aus aller Welt treffen sich ab morgen in Zürich zum Suizidhilfe-Weltkongress. Der Tagungsort ist nicht zufällig gewählt. In kaum einem anderen Land finden Suizidhilfeorganisationen derartigen Zuspruch wie in der Schweiz. In den ersten vier Monaten des Jahres sind rund 3000 Personen Exit beigetreten. Nachdem Fussballlegende Timo Konietzka im März von Exit in den Tod begleitet worden war, traten während zweier Wochen 60 Personen pro Tag Exit bei. Inzwischen zählt die Organisation mit 63 000 Mitgliedern zu den grössten Vereinigungen der Schweiz.

Die Erfolgsgeschichte von Exit passt zum ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis der Schweizer. Weltweit wird nirgends pro Kopf so viel Geld für Versicherungsprämien ausgegeben wie hierzulande. Und Exit ist die Versicherung für den guten Tod - ein Garant, auch über die Letzten Dinge autonom zu entscheiden und nicht unnötig leiden zu müssen. Was soll daran schlecht sein?

Suizidhilfe für Lebensmüde

Exponenten von Exit sehen ihre Organisation in der Tradition der Aufklärung. Wer selbst über Art und Zeitpunkt seines Todes bestimmt und sich nicht durch Religion oder Moral beirren lässt, verabschiedet sich mit seinem Abgang definitiv aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit. Allerdings verkennt diese Sicht, dass ein Suizid immer auch Folgen hat, die über das betroffene Individuum hinausreichen.

Indem Exit wächst und wächst und auch nicht todkranke Personen in den Tod begleitet, nimmt die Organisation dem Suizid seine Ausserordentlichkeit. Rund 30 Prozent der von Exit in den Tod begleiteten Personen sind nicht todkrank. Lebensmüdigkeit und ein allgemein schlechter Gesundheitszustand sind der Grund, weshalb sie Exit beanspruchen. Menschen, die ihr Leben lang nie an Suizid gedacht haben, entdecken dank des niederschwelligen Angebots plötzlich den Freitod als gangbaren Weg.

Exit setzt alles daran, die Schwelle weiter zu senken: Die Suizidhilfe wurde auf psychisch Kranke ausgedehnt, und neu soll sie auch in Alters- und Pflegeheimen durchgeführt werden - die Waadt stimmt am 17. Juni über eine entsprechende Exit-Initiative ab. Damit droht die Gefahr, dass die von Exit geforderte Autonomie am Lebensende in ihr Gegenteil verkehrt wird. Wenn sich immer mehr Personen mithilfe von Exit das Leben nehmen, nur weil sie alt und gebrechlich sind, steigt der Druck auf alle Alten und Gebrechlichen, den Suizid als Option ins Auge zu fassen. Rationierungsdiskussionen im Gesundheitswesen (soll ein Achtzigjähriger eine neue Hüfte erhalten?) verstärken diese Tendenz zusätzlich.

Niemandem zur Last fallen

Was geht beispielsweise in einer betagten Person vor, deren nicht todkranke Zimmernachbarin sich dank Exit ruhig und sanft aus der Welt verabschiedet hat? Gut möglich, dass in ihrem Umfeld geradezu anerkennend davon gesprochen wird, wie die Frau nun niemandem mehr zur Last falle und wie sie verhindern konnte, dass ihr Erbe für die Pflegekosten aufgebraucht werden musste. Vor einem solchen Hintergrund ist fraglich, wie stark ein Suizidwunsch tatsächlich Ausdruck uneingeschränkter Autonomie ist.

Exit selbst trägt nicht eben dazu bei, diese Bedenken zu beseitigen. Gegen aussen tritt die Organisation hoch professionell auf. Dank lehrbuchhaften Lobbyings konnte sie gesetzliche Vorgaben abwenden. Die Folge: Exit reguliert sich selber, bildet die Suizidhelfer nach eigenem Gutdünken aus und ist nur seinen Mitgliedern Rechenschaft schuldig. Ob etwa einer Person, die sich an Exit wendet, Alternativen zum Suizid aufgezeigt werden, liegt allein im Ermessen von Exit. Vertreter der Organisation fordern inzwischen den rezeptfreien Zugang zum Sterbemittel NaP - womit Exit seine Dienste noch niederschwelliger anbieten könnte.

Alles andere als liberal

Kritik an der fortschreitenden Etablierung des Suizids wird nur verhalten laut, sogar Justizministerin Simonetta Sommaruga erweist Exit mit einem Auftritt am Weltkongress die Ehre. Die angekündigte Gegenveranstaltung christlicher Fundamentalisten trägt dazu bei, dass Exit als Vorreiterin für gesellschaftliche Liberalität gesehen wird. Doch der Schein trügt. Exit mag das Verdienst zukommen, die Diskussion über Suizidhilfe enttabuisiert zu haben und für den Grossteil der Mitglieder eine Versicherung im besten Sinne zu sein - man lebt beruhigt mit dem Mitgliederausweis in der Tasche, ohne ihn je zu benötigen.

Ob Exit aber will oder nicht: Die rasant wachsende Organisation erhöht mit ihren Bestrebungen den Druck auf Alte, Kranke und Behinderte, den Suizid als Möglichkeit zu sehen. Eine solche Tendenz ist alles andere als liberal. Fortschrittlich ist nicht die Gesellschaft, in der der Suizid zur Selbstverständlichkeit wird. Sondern jene, die ausreichend Fürsorge, Zuwendung und Palliativmedizin anbietet. Die Erfolgsgeschichte von Exit ist nicht zuletzt ein Hinweis darauf, wie gross der Nachholbedarf in diesen Bereichen ist.